Ein Abend, ein Traumprinz – und die Realität
Noch war Zeit, mich dem zu entziehen, was da gerade in Bewegung gesetzt worden war. Ich musste mich nur von seinem Arm lösen und ganz kühl und selbstverständlich auf Wiedersehen sagen; oder Lebewohl. Unangenehm genug wäre es sicher, sein beleidigtes Erstaunen, wenn ich nun plötzlich allein zu mir nach Hause wollte - aber sicherlich besser als eine völlig verkorkste Nacht.
Draußen ließ er als erstes meinen Arm los, kramte in seiner Jackettasche, zündete sich eine Zigarette an. Entsetzt trat ich drei Schritte zurück. “Muss das jetzt sein? Schlimm genug, dass drinnen alles verqualmt war. Ich hatte eigentlich nicht vor, mir den Gestank auch noch an der frischen Luft anzutun.” Von einem der Umstehenden, wahrscheinlich Gäste des Restaurants, kam ein solidarisches Schnauben. Seine Frau meckerte wahrscheinlich auch immer an ihm herum, wenn er rauchte.
Er sah mich nur an; so, wie er mich immer angesehen hatte. Langsam nahm er den Glimmstängel aus dem Mund, warf ihn zu Boden, trat ihn aus, hob die Reste auf und beförderte sie mit Schwung in einen Papierkorb. “Du hast recht, Jane. Bitte entschuldige.”
Hätte er es bewusst darauf angelegt, mich mit meinen immer lauter werdenden Zweifeln herumzukriegen, er hätte es nicht besser machen können. Was für ein Mann, der meinetwegen auf seine Sucht verzichtete und das auch noch so elegant zu verstehen gab! Der seinen Abfall nicht einfach liegen ließ, sondern ordnungsgemäß beseitigte!
Die harten Kanten meiner Widerspenstigkeit rollten sich vor Schreck ein wenig nach innen auf. Die überschäumende Freude der Augenblicke, als er mich beim Tanzen plötzlich so fest an sich gezogen hatte. Schade, dass er von mir nicht verlangte, mitten auf der Straße vor ihm niederzuknien. Ich glaube, ich hätte es getan. Und mich erst später mit der Albernheit einer solchen Geste befasst. Er verlangte es nicht. So schloss ich stattdessen nur auf zu ihm, griff nach seiner Hand, genoss ihr begieriges Entgegenkommen. “Was machen wir jetzt, Simon?” Er grinste. “Wenn du mich fragst, schleppe ich dich umgehend ab, zu mir nach Hause, reiße dir die Kleider vom Leib und versuche, diese verdammte Hitze zu besänftigen, die mich ganz kirre macht.” Mitten in mein Lachen hinein ergänzte er: “Falls ich es noch so lange aushalte und nicht bereits im Auto aufdringlich werde.”
Seine Offenheit war entwaffnend.
“Also gehen wir zu dir,” stellte ich fest und meine Stimme klang wohl ein wenig ärgerlich. Eine Wahl, die eigentlich gemeinsam getroffen werden sollte. Nicht, dass ich etwas dagegen gehabt hätte, mit zu ihm zu kommen. Aber es stellte mich doch vor praktische Probleme wie Zahnbürste und neue Unterwäsche für den nächsten Tag. Außerdem gibt es nichts Schlimmeres, als am Morgen der ersten Liebesnacht den Fummel wieder anziehen zu müssen, den man am Abend zuvor so erwartungsvoll abgestreift oder abgestreift bekommen hat.
“Jane, mir ist das völlig egal. Meinetwegen können wir gerne auch zu dir. Hauptsache, wir stehen in zwei Stunden nicht mehr hier vor dem Hotel herum.” Das hatte ich nun davon. Wenn ich seine Entschlüsse nicht akzeptierte, erwartete er einfach von mir, dass ich selbst eine Lösung fand, und schon wurde es kompliziert. “Simon, ich bin inzwischen zu alt für solche spontanen Entscheidungen. Es gibt gewisse Dinge, die müssen einfach geregelt werden. Es ist schon okay, dass wir zu dir gehen – aber vorher brauche ich ein paar Sachen aus meiner Wohnung für morgen.”
Er zuckte die Achseln. “Wenn du meinst. Ich frage mich nur, wieso du glaubst, für Dinge zu alt zu sein, mit denen ich nicht die geringsten Schwierigkeiten habe. Obwohl ich fast zehn Jahre älter bin als du.”
Schön, sollten wir uns jetzt darüber streiten, ob man ohne Ersatzzahnbürste zu einem Lover gehen kann oder nicht? Ich hatte völlig vergessen, wie viel Hickhack um Kleinigkeiten eine solche Beziehung bedeutet. Demgegenüber war es beinahe eine Erholung, Single zu sein. Unerfüllte Träume waren das, was einem diesen Zustand manchmal so unerträglich machte. Als ob es die in einer Beziehung nicht gäbe.
Um es kurz zu machen, die angekündigte Verführung fand noch statt; auch wenn mein Bestehen auf kleinlicher Vorausschau in Form von Deo und Slip und so weiter erst einmal für eine ziemliche Abkühlung gesorgt hatte. Simon wartete gleichgültig zurückgelehnt in seinem Wagen, während ich hinaufging in meine Wohnung, um alles einzusammeln, was ich brauchen würde. Dass er mich den Weg so stoffelig und unkavaliersmäßig allein machen ließ, fachte meine Flammen auch nicht gerade an. Beinahe fragte ich mich, ob es wirklich einen Sinn hatte, zu ihm zurück zu gehen.
*Eine überraschend liebevolle Geste seinerseits bei meiner Rückkehr, ein inkorrekter Handkuss mit Hautberührung, verbesserte meine Stimmung schlagartig.*
Später, im Bett und auch in seinem Wohnzimmer, zwischen Sofa und Teppich, war es nicht übel, aber auch nicht berauschend. Natürlich war es im ersten Moment ungeheuer erregend, seinen Körper in voller Länge gegen meinen gepresst zu spüren; diesen Moment hätte ich einfangen und bewahren mögen, aber er war bald vorbei und es ging weiter.
Der siebte Himmel war einig Stockwerke höher
Nun, ich hatte kaum bessere erste Male erlebt, aber schon viele schlechtere. Das Problem ist ja immer, in diesem frühen Stadium wird die Erregung weitgehend von den eigenen Gedanken bestimmt, nicht vom Aussahen oder den Gesten und Aktionen, Reaktionen des Partners. Der noch kein Partner ist, sondern lediglich ein Fremder. Allerdings einer, der mir ohne Einleitung, ohne Übergangsphase, ohne Gewöhnung näher kommt als mein bester Freund. Ein Eingriff, der verdammt intensiver Gefühle bedarf, um nicht auch völlig ohne Gewalt eine Vergewaltigung zu sein. Nachdem die eigene Phantasie so ungeheuer stark ist, kann sie sich auch noch die stümperhaftesten Wichsspiele schön malen. Aber kaum jemand ist beim ersten Sex dumm genug, nicht im Hintergrund bereits den schalen Geruch meistens doch irgendwie verkorkster Erotik heraufdämmern zu sehen, den man sich dann am nächsten Tag, wenn man wieder allein ist, endlich tatsächlich wahrzunehmen gestattet.
Bei Simon spürte ich davon nichts; auch wenn der siebte Himmel wirklich noch etliche Stockwerke weiter oben lag..
Und so war es einfach wunderbar warm und kuschelig nachher, und ich fühlte mich wohl genug, mich nicht einmal an seiner Zigarette zu stören. Bis sich ein kleines Problem aufdrängte. Entweder ich schlief jetzt in dieser Lage ein, was für uns beide beim unumgänglichen Aufwachen oder –wecken eine gewisse Peinlichkeit mit sich bringen musste, oder ich machte mich auf den Weg zu einem korrekten Schlafplatz, dem Bett.
Also nahm ich alle verbliebene Selbstdisziplin zusammen, stolperte auf den Flur, holte aus der kleinen Reisetasche dort Kulturbeutel und das rote Riesen-T-Shirt, in dem ich am liebsten schlafe, krabbelte irgendwie ins Bad, machte mich fertig zum Schlafen.
Ich hatte ihn nicht gefragt, ob ich über Nacht bleiben sollte; aber das lag ja auf der Hand, nachdem er der Zahnbürste nicht widersprochen hatte. Die hätte ich mir sonst schenken können; und autoritär, wie er bislang aufgetreten war, hätte er es garantiert nicht versäumt, mich darauf deutlich aufmerksam zu machen.
Als ich zurückkam, hatte er sich nicht gerührt; rauchte nur die wahrscheinlich dritte Zigarette nachher. Das nervte mich nun doch ein bisschen. Sollte ich jetzt allein ins Bett gehen, oder was?
“Hast du vor, dich jetzt weiter mit diesen dämlichen Zigaretten zu befassen? Dann kann ich nämlich genauso gut nach Hause verschwinden.” Er richtete sich halb auf. “Fühlst du dich vernachlässigt?” Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen; aber es war doch noch etwas anderes, das so unumwunden zuzugeben. “Du wirst dich daran gewöhnen müssen, dass du für mich zwar sehr wichtig bist und oft genug die Hauptsache – dass es aber auch andere Dinge gibt. Ich habe gerade einen großen Auftrag mit Erfolg abgeschlossen und stehe vor dem nächsten. Da brauche ich ab und zu meine Entspannung, ohne dass du mir gleich mit Forderungen kommst. Ich werde mich um dich kümmern, aber ich werde mich von dir nicht vollständig vereinnahmen lassen.”
Da war er wieder, dieser Blick, der mich von Anfang an verzaubert hatte
Hätte er mich geohrfeigt, meine Wangen hätten nicht schmerzvoller brennen können. Demütigung weckt in mir automatisch Trotz. Die Versuchung war groß, meinen Kram zusammenzupacken und zu verschwinden. Dagegen sprachen meine Müdigkeit und die Tatsache, dass ich bereits zum Schlafen umgezogen war. Letzteres allerdings würde mir in meiner Wohnung immerhin weiteren Aufstand ersparen.
Die mit Nachlassen der Beschämung mehr und mehr aufsteigende Wut senkte die linke Wagschale entscheidend. “Dann schlage ich vor, dass du in aller Ruhe meditierst, ohne zu erwarten, während dieser Zeit in meinem Leben eine Rolle zu spielen. Ich fahre nach Hause. Und wenn du soweit bist, wieder Lust auf mich zu haben, kannst du ja fragen, ob ich gerade Zeit habe, mich um deinen Schwanz zu kümmern.”
Hastig stopfte ich mein Samtkleid in die Tasche, warf die Toilettensachen obendrauf. Bestimmt hatte ich etwas vergessen – aber sicherlich nichts, dass ein weiteres Bleiben hier wert gewesen wäre. Insgeheim wartete ich die ganze Zeit auf eine Reaktion von ihm. Ein Zurückrufen, eine pampige Antwort; irgendetwas. Statt dessen herrschte Stille im Wohnzimmer; unterbrochen vom erneuten Klicken eines Feuerzeugs. Meine Wut wurde stärker.
Noch schnell den Mantel übergeworfen – damit wirkte meine Kleidung halbwegs normal, warm genug war es auch. Wie ich um diese Zeit die halbe Stadt durchqueren wollte, darüber machte ich mir keine Gedanken. Notfalls würde ich lieber zu Fuß gehen als hier zu bleiben. Ansonsten müsste sich aber auch ein paar Straßen weiter auf jeden Fall ein Taxi finden lassen. Geld genug hatte ich dabei. Oder ich benutzte ausnahmsweise einmal mein Handy, das ich zwar meistens dabei, aber in der Regel ausgestellt hatte. So spät war es auch noch gar nicht; gerade erst Mitternacht. Ein Glück, dass wir uns so früh zurückgezogen hatten.
Ob ich noch einmal ins Wohnzimmer gehen sollte? Ach, Quatsch. Bloß weg hier. Wahrscheinlich war das schon das Ende unserer Beziehung, die nicht einmal richtig angefangen hatte. Andererseits – was sollte ich mit einem rücksichtslosen Stiesel, der es für nötig hielt, mich gleich am ersten Abend über meine Unwichtigkeit aufzuklären, noch bevor die letzten Spermafäden an seinem Schwanz klebrig eingetrocknet waren?
Ich drückte die Klinke herunter, zog. Die Tür rührte sich nicht. Massiv und unbeeindruckt von meinem Bemühen blieb sie schlicht verschlossen. Forschend sah ich mich um. Kein bequemes Schlüsselbrett neben dran, keine blaue Schale wie bei mir, in der Schlüssel und andere wichtige Dinge landeten, keine Sammelecke für Krimskrams auf dem kleinen Sideboard. Der Schlüssel war nicht zu sehen.
Tief Luft holte ich, bemühte mich um die kälteste Eiseskälte in meiner Stimme. “Wärst du so nett, mir die Tür aufzuschließen? Ich möchte gehen.” Dieser Bastard hatte genau gewusst, ich konnte ohne seine Hilfe die Wohnung nicht verlassen. Deshalb hatte er mich mit einer solchen Seelenruhe ignoriert.
Ein scharrendes Geräusch, das leise Knacken von Knochen, und er stand in der Wohnzimmertür. “Du glaubst doch wohl nicht, dass ich dich jetzt allein zurückmarschieren lasse? Wenn du wirklich willst, fahre ich dich. Aber vielleicht überlegst du es dir noch einmal. Mir jedenfalls wäre es weit, weit lieber, wenn du bleibst.”
Wäre ich allein, könnte ich auch befriedigt sein – wenn auch weniger erfüllt
Weshalb nur hatte ich mich den ganzen Verwicklungen einer beginnenden Beziehung ausgesetzt? Ich war doch so gut ohne gefahren. Natürlich, ab und zu hatte mir etwas gefehlt. Aber immer noch besser, melancholisch-träumend bei Musik und einem Glas Wein mit dem Geistermärchenprinzen auf dem Bett zu liegen, als sich mit solchen Komplikationen herumzuschlagen.
Eigentlich wollte ich jetzt bloß in warmen Armen liegen und zufrieden in den Schlaf hinüberdämmern. Immerhin ja auch befriedigt. Klasse. Wäre ich allein, könnte ich ebenso befriedigt sein, wenn auch weit weniger erfüllt – aber ich hätte meine Ruhe. In die Decke gerollt, wäre meine Phantasie mein Bettgenosse gewesen; und die hätte mir garantiert einen besseren Partner beschert als den, mit dem ich es tatsächlich zu tun hatte.
“Wieso wirst du denn gleich wild, wenn ich die Wahrheit sage? Es ist doch nun einmal so – keiner von uns wird für den anderen alles sein. Es gibt immer noch genug Situationen, in denen wir gegenseitig für uns nicht die geringste Rolle spielen. Wieso darf ich das nicht aussprechen, diese simple Tatsache?”
Das liebe ich – nächtliche Diskussionen; zu einem Zeitpunkt, in dem Erschöpfung klares Denken verhindert und die Harmoniesucht am größten ist. Und nun lehnte er ganz seelenruhig im Türrahmen; von sich und der Welt überzeugt. Im Bewusstsein der Richtigkeit seiner Worte, seiner Aussage, seiner Wünsche, seiner Person.
Ich antwortete nicht. Beinahe kam es mir so vor, als sei Schweigen die einzige Waffe, die ich hatte. Einfach nicht reagieren, nichts sagen.
Er zuckte die Achseln. “Schade. Du beweist mir gerade, wie recht ich habe. Du siehst es an dir selbst. Schon jetzt steht etwas zwischen uns und verhindert, dass du offen bist für mich und für das, was ich versuche, dir nahe zu bringen. Vorhin, bevor du im Bad verschwunden warst, da waren wir noch eine Einheit. Jetzt sind wir zwei Leute, die sich streiten. Um eine Wahrheit, von der wir beide wissen, sie lässt sich ohnehin nicht wegdiskutieren. So sehr wir uns das vielleicht manchmal auch wünschen würden.”
“Würdest du mir bitte endlich die Tür aufschließen?”
“Ja, ja – natürlich. Ich schließe sofort auf.” Als sei er wie ich zum Umfallen müde schlurfte er an mir vorbei, drückte auf eine Stelle auf der anderen Seite der Tür, etwa in Augenhöhe. Eine kleine Klappe sprang auf. Kein Wunder, dass ich keinen Schlüsselkasten gefunden hatte. Er war in die Wand eingelassen.
War es das jetzt? Eine kühl-freundliche Verabschiedung und Schluss?
Ich wusste genau, seine Attraktivität würde weder dadurch, noch durch die zeitliche und räumliche Distanz viel verlieren. Nein, zunächst einmal würde sie ganz im Gegenteil raketengleich in die Höhe schießen. Was man nicht haben kann, wünscht man sich ja immer mehr als das, was hinter der nächsten Ecke oder gar direkt vor den eigenen Füßen wartet.
Meine Gedanken würden also wie vorher um ihn kreisen, ohne die Chance einer Annäherung. Schlimmer noch – jetzt in dem Wissen, eine solche Annäherung war nicht mehr möglich; während ich mich bis gestern noch an dem Wissen festgehalten hatte, sie stehe unmittelbar bevor.
Eine unerträgliche Vorstellung. Mir war klar, ich würde ihn so schnell nicht vergessen können. Mir standen ein paar trübe Wochen oder Monate bevor. Würde es ihn nicht geben, hätte ich die Leere vielleicht sogar gutgelaunt überstehen können. Nach der Pleite heute Abend allerdings war das unmöglich. Denn nun wusste ich, es gab ihn, wir verstanden uns – wenigstens bestand die Möglichkeit -, ich hatte mich wohl gefühlt; und all das wieder verloren. Der Schmerz darüber würde fast ebenso brennen wie die ins Leere laufenden Gefühle für ihn.
So gut wie alles würde ich tun, um dem zu entgehen. Bloß dass mir nichts einfiel, was ich überhaupt tun konnte, um den anscheinend unvermeidlichen Verlauf hin zu Trennung und Katastrophe noch aufhalten zu können. Vor ihm auf die Knie fallen, ihn um Verzeihung bitten, ihn anflehen, bleiben zu dürfen? Kam nicht in Frage.
Ja, so ist das nun einmal mit dem “alles”, das man zu tun bereit ist – ziemlich eingeschränkt, irgendwie. Immerhin – ich war ehrlich genug gewesen zu sagen, so gut wie alles würde ich tun, um das Mühlrad aufzuhalten. So gut wie alles – aber entwürdigendes Betteln nun einmal nicht. Er hatte schließlich die aktuelle Auseinandersetzung angefangen.
Plötzlich packte er mich grob am Arm. “Du weißt, dass es auch anders geht? Wenn wir beide es wagen, uns wirklich aufeinander einzulassen, vollständig, absolut – und ich meine wirklich absolut – dann gibt es nichts anderes mehr, das wichtig wäre. Willst du das? Ich glaube nicht. Du tendierst doch wie alle Frauen dazu, vom Mann die absolute Bindung zu fordern, während du dir für dich selbst ein Hintertürchen offen hältst. Die ganzen Beziehungen, die man so sieht – was ist das schon? Man tut sich zusammen, verbringt einen Teil der Zeit miteinander, hat Sex, der erst besser wird, wenn man den Körper des anderen besser kennen lernt, dann schlechter, weil der Reiz des Neuen dahin ist und man einander müde ist, und irgendwann lebt man nur noch nebeneinander her und ist ein Paar vorwiegend in den Augen der gemeinsamen Bekannten, aber nicht wirklich.”
“Was – was meinst du mit absolut?” Das war das Wort seiner Rede, das sich in meinen Gedanken verhakt hatte und mit einem Hämmerchen gegen meinen Schädel klopfte; absolut. Sein Griff tat weh, und ich war müde, durcheinander. Was sollte das jetzt? Was wollte er von mir? “Meine Güte, jetzt tu doch nicht so, als ob du mich nicht verstehst. Du weißt sehr gut, was ich meine. Dass wir uns aufeinander einlassen; nicht halbherzig, wie es normal ist, immer mit einem Blick hin zu anderen Alternativen oder anderen Lebensbereichen, sondern vollständig. So, dass es jede Faser durchdringt, eine Rolle spielt auch dann, wenn wir nicht zusammen sein können. Das ist es, was ich meine – ein Band, das immer da ist und allem anderen vorgeht.”
Ich verstand nur Bahnhof. War er nun verrückt geworden, oder was?
Auf einmal ertappte ich mich dabei, was eigentlich abging. Erst machte er es deutlich, dass es außer mir noch anderes gab in seinem Leben, und ich war verletzt, beleidigt, probte den Aufstand und den Abmarsch. Darauf bot er mir das Gegenteil – die absolute Bedeutung; und ich rief nach der Klapsmühle. Lag das nun an mir, war ich durch nichts zufrieden zu stellen – oder war er derjenige, der sich hier unmöglich benahm, mich durch eine Wechselbadbehandlung schickte, in der man gar nicht anders reagieren konnte?
Ich wollte es so sehr, dass es brannte und schmerzte
Seine zweite Hand, die mit dem Schlüssel, näherte sich meinem Gesicht. Ich zuckte zusammen; rechnete mit einem Schlag. Statt dessen umfasste er Kinn und Wangen – das Metall des Schlüssels schnitt dabei unangenehm ein in die Haut und zwang mich, ihn anzusehen. Da war er wieder, dieser Blick, der mich von Anfang an verzaubert hatte.
Jetzt bloß nicht nachgeben!
Oder doch nachgeben? Die verkrampften Finger lösen, mich einfach mit hinwegspülen lassen von der Kraft in diesem Grau, so dunkel, dass es schwarz wirkte und im Lichtschein wie die dunkelste Hölle glitzerte. Auf einmal war nichts verführerischer, als sich diesem Bann hinzugeben. Zu tun, was er wollte. Wie konnte ich auch nur eine Sekunde überlegen, wenn er mir die absolute Nähe bot? Und er hatte es sehr deutlich gemacht, die Absolutheit galt für ihn wie für mich.
Da gab es nichts zu überlegen. Ja, genau das wollte ich haben. Ich wollte es so sehr, dass es brannte und schmerzte. In meinem Kopf und meinem Bauch ebenso wie an der warmen, weichen, feuchten Stelle, die doch vorhin bereits einmal bekommen hatte, was sie wollte. Mein Körper schien ein Eigenleben zu haben, als er sich ruckartig ihm näherte, den Kopf gesenkt, mit seiner Hand noch immer an meiner Wange, und gleichzeitig wurde er doch angefeuert von der Stimme meines Verstandes, meiner Gefühle. Ich wollte es absolut, absolut, absolut, jetzt endlich wieder in seinen Armen liegen.
Schon schlossen sie sich um mich, so wie vorhin, beim ersten Mal. Die in das Vakuum, in dem kurz zuvor noch Unwirschsein gewesen waren, Ärger, Bedenken, jäh hineinströmende Liebe nahm mir den Atem. “Es tut mir Leid,” sagte er, und beinahe hätte ein trockenes Schluchzen das Ventil bilden müssen, so übervoll fühlte ich mich mit Zärtlichkeit, Dankbarkeit, Hingabe. Dass er sich noch in dieser Situation entschuldigte, noch nach meinem wilden Ausweichmanöver, mit dem ich alles riskiert hatte, es war beinahe zuviel.
Und nun kam es doch, das Ventil des Weinens, und seine eine Hand, die noch immer den Schlüssel hielt, den ich gar nicht mehr wollte, strich über meine Haare.
Seine Stimme, die tiefe, dunkle, die so kalt sein kann und so präzise schneidend, die Stimme, die aus einem kurzen Satz mit Betonungen und Pausen einen ganzen Atomkrieg machen kann, ganz warm war sie.
Ich hatte vorher noch nie eine Vollkommenheit gekannt wie in diesem Augenblick.
Die Autorin dieser Geschichte, Irena Böttcher (Foto), lebt in der Nähe von Karlsruhe.
Kommentare zu der obigen erotischen Geschichte
Eigener Kommentar
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