Vor 18 Monaten lernte Ariane Aran am Strand von Scharbeutz eine Frau kennen, die allein im Strandkorb saß und auf die Ostsee blickte. Sie freundeten sich an. Aber erst ein halbes Jahr später - bei einem Wiedersehen in Berlin - erzählte die Urlaubsbekanntschaft die tragischen Tatsachen, welche die Grundlage dieses Berichts bilden.
Als ich durch das Abitur gefallen war, hatte ich zum letzten Mal geweint. Jetzt schossen mir die Tränen in die Augen. “Er ist meine große Liebe. Woran leidet er?”
“Es wird alles gut werden.” Er nahm meine Hand und zeigte das professionell gütige Gesicht eines Arztes, der Angehörige beruhigt.
“Wo bringe ich jetzt die tote Ziege hin?”
“Bitte?”
“Es ist nur ein Kopf. Er lagert im Kühlschrank.”
Ihm kam sein gütiger Gesichtsausdruck abhanden. “Ist Ihnen nicht gut, möchten Sie ein Glas Wasser?”
“Kai war Stammkunde bei einer Abdeckerei. Ich habe mich nie darum gekümmert.” Seit fünf Jahren lebte ich mit Kai zusammen. Dennoch wusste ich zu wenig von ihm. Der Doktor reichte mir ein Glas Wasser. “Kai hat immer herrlich verdrehte Ideen, gibt Geld für verrückte Sachen aus. Ziegen, Schweine.”
“Sie haben eine Krankenversicherung?”
“Er ist Bildhauer. Wir haben uns auf der Documenta kennen gelernt, als er eine Herde Ziegen ausstellte.” Ich schmunzelte bei der Erinnerung. Wie ein Hirte hatte er, der studierte Kunsthistoriker, mit einer geliehenen, abgewetzten Joppe inmitten seines tierischen Happenings am Eingang zur Documenta gestanden. Er brachte mich zum Lachen und abends eroberten wir Kassel. Unsere erste gemeinsame Nacht ...
“Sie lieben ihn wirklich.”
“Woher wissen sie das?”
“Ich sehe es in ihren Augen.”
Ich lächelte ihn an.
“Ich werde mein Bestes geben. Er wird überleben, ich verspreche es Ihnen.”
“Liegt im Kofferraum”, sagte ich durchs geöffnete Seitenfenster und beeilte mich auszusteigen: Die Klimaanlage der alten Limousine hatte keine Chance gegen die harte Mittagssonne. - Frischer war die Luft außerhalb des Wagens aber auch nicht. Es roch nach faulen Eiern. Die Insekten störte das nicht, sie zirpten und schnarrten den Hochsommer an. Als wir an den Kofferraum traten, knirschte unter unseren Füßen der staubige Kies der Zufahrt.
Moto – so nannte der Mann sich - wischte affektiert die Nase mit dem Handrücken. Seine Hand besaß mehr Schwielen als die Finger von Kai - der doch täglich mit Hammer und Meißel hantierte. Moto war klein und gedrungen und trug einen blauen, blutverschmierten Overall. Er beugte sich in den Kofferraum und schlug die Lappen auseinander.
“Ja, das ist er”, sagte er. Als er sich umdrehte, hielt er den mit Stoff umhüllten Ziegenkopf wie ein Baby im Arm. “Warum bringt Kai den Kopf nicht selbst vorbei?”, fragte Moto und reckt seinen Hals zu mir. Der Hals wurde lang wie bei einer Giraffe. Lustig sah das aus bei dem kleinen Mann. Vielleicht war mein erster Eindruck doch richtig, überlegte ich, und Moto war tatsächlich schwul. - Er starrte mich immer noch an mit seinem Giraffenhals. Ach ja, Moto hatte mir eine Frage gestellt.
“Er kann im Moment nicht”, sagte ich.
“Sie sind seine Frau?”, erkundigte er sich in vertraulichem Ton, obwohl auf dem Vorplatz außer uns zweien kein Mensch zu sehen war.
“Woher wissen Sie ...”
“Seit Jahren kommt er vorbei, wenn er tote Tiere für Installationen – so nennt er das – braucht. Ich suche ihm die Schönsten heraus. Wir ... wir haben uns angefreundet.”
Meine Augen wurden feucht, aber ich riss mich zusammen. “Er ist schwer krank.”
“Was?! Mitte der Woche war er noch hier!” Moto hielt mich am Arm fest. “Das kann nicht sein.” Seine Nasenlöcher bebten.
“Doch. Es ist schrecklich.”
“Das kann nicht sein.” Er fasste sich an die Schläfe, balancierte den Ziegenkopf auf einem Arm. “Wir sind ... gute Freunde.”
“Kai wurde ohnmächtig im Schlaf, und Organe fielen aus, jetzt ist er im künstlichen Koma. Vielleicht hat er Gift geschluckt, meint der Arzt.”
Fortsetzung nächsten Freitag
Nun war es gleich soweit, mein erster Kontakt.
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